Ye-One Rhie.

Für Dich. In Berlin.

Öcherin. Für Dich. In Berlin.

 

1999 – da war ich elf Jahre alt – sollte meine Familie abgeschoben werden. Zu dem Zeitpunkt konnten wir uns alle nicht wirklich vorstellen, in Korea zu leben. Wir waren in Deutschland, in Aachen zu Hause. Wir suchten also nach Wegen und Möglichkeiten, um in Deutschland zu bleiben. In dieser Zeit wurde ich oft gefragt, warum wir denn nicht „zurück“ wollten. Meine Antwort war genauso kurz wie entrüstet: „Aber wieso denn? Ich bin doch Öcherin!“

Dieser eine Satz fasst perfekt zusammen, warum ich mich politisch für Aachen engagiere: Ich bin Öcherin.

Geboren wurde ich 1987 im Luisenhospital. Ich habe die Kita Alfonsstraße besucht, war auf der Grundschule in der Luisenstraße und habe mein Abitur an der Viktoriaschule gemacht.

Nachmittags war ich in der OT Josefshaus oder habe in der Musikschule am Blücherplatz Blockflöte und Geige gespielt. Ich war Sternsingerin in St. Adalbert und wurde in der Dreifaltigkeitskirche konfirmiert.

Ich habe im Ludwig Forum gemalt und im SV Neptun geschwommen. Ich war an der Gründung des Schüler-Cafés im Aachenfenster beteiligt und hatte meinen ersten Nebenjob im damaligen Café Zum Mohren am Hof. Nach der Schule habe ich an der RWTH Aachen Politische Wissenschaft und Sprach- und Kommunikationswissenschaft studiert.

Ich habe zwei Jahre im Programm „Deutschland und Asien“ in der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh gearbeitet, bevor ich dann als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro von Ulla Schmidt angefangen habe. Im März 2015 wechselte ich dann ins Wissenschaftsministerium in Düsseldorf. 2018 bin ich im Rahmen einer Abordnung ans Institut Textiltechnik der RWTH Aachen (ITA) gegangen, um mir einen Eindruck der Wissenschaftspolitik vor Ort zu machen. Seit Juni 2020 bin ich im Bereich der Wissenschaftskommunikation am DWI – Leibniz-Institut für Interaktive Materialien tätig. Auch während dieses Jobs bin ich weiterhin im Ministerium beschäftigt und lediglich beurlaubt.

Ich habe Aachen zwischendurch immer wieder mal verlassen. Nach Düsseldorf, in die USA, nach Korea, Gütersloh und Berlin. Und es hat mich immer wieder zurück nach Aachen gezogen. 

Ich habe mich nirgendwo mehr zuhause gefühlt als hier.

Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass wir Öcher:innen einen leichten Hang zu einem ganz besonderen „Lokalstolz“ haben. Und zumindest bei mir nimmt dieser hin und wieder auch etwas missionarische Züge an.

Etwa, wenn ich durch die ganze Stadt laufe, um einer Freundin Streuselbrötchen von wirklich jeder Aachener Bäckerei zu schicken. Damit sie auch eine echte Vergleichsbasis hat. Oder wenn ich jeweils einen Fladen mit Kirsch, Aprikose, Deutschem Reis, Belgischem Reis und Kirsch auf Reis kaufe, weil meine Kolleg:innen in Düsseldorf „so etwas“ noch nie gegessen haben.

Oder wenn ich Besucher:innen durch die GANZE Stadt schleppe, damit sie eben nicht nur erfahren, wo der Teufel seinen Daumen verloren hat, sondern auch von der Marktfrau auf dem Lousberg hören und vom Ring an der Frankenburg, das Bahkauv treffen und mit eigenen Augen sehen können, wo Monulphus und Gondulphus durch Aachen geklappert sind.

Was ich aber wirklich am meisten mag, an Aachen und seinen Menschen, ist die besondere Verbundenheit untereinander. Der Klenkes als Erkennungszeichen unter Aachener:innen in der Fremde ist das beste Beispiel dafür.

Bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr bin ich mit dem Slogan angetreten: „HEIMAT für alle LIEBE“ weil Aachen alle willkommen heißt und Heimat für viele ist. Egal ob Alteingesessene oder Hinzugezogene. Der Slogan hat bei einigen für Stirnrunzeln gesorgt. „Heimatliebe“, das klingt für viele altbacken und aus der Zeit gefallen. Dabei ist gerade Heimat zeitlos und für viele in der heutigen Zeit unglaublich wichtig. Heimat muss dabei gar kein Ort sein. Schon gar nicht der Ort, an dem man geboren wurde oder an dem die eigene Familie seit Generationen lebt. Es muss vor allem nicht nur EIN Ort sein. Und gerade als Mensch mit Migrationshintergrund weiß ich, dass Heimat etwas dynamisches ist, etwas aktives, das sich ständig verändern kann, und deshalb für jeden Menschen etwas anderes bedeutet.

Meine Eltern kamen 1986 aus Südkorea nach Deutschland. Sie sind in Deutschland geblieben, weil ihnen das Leben hier gut gefällt. Ihnen gefällt die Kultur, die Werte und die Lebensweise. Inzwischen arbeitet mein Vater als Dozent an der RWTH Aachen und meine Mutter ist Krankenpflegerin im Luisenhospital.

Nach einer kurzen Zwischenstation in einem Studierendenwohnheim zogen meine Eltern in eine Wohnung, in der sie inzwischen seit 35 Jahren leben. Diese Wohnung war für meine Eltern, aber auch für unsere gesamte Familie, ein Glücksfall. Als meine Eltern einzogen, lebten in den anderen sechs Wohneinheiten deutsche Familien mit bereits älteren Kindern. Das hat das Zusammenleben im Haus vereinfacht. Statt Ablehnung herrschte viel Neugier. Unsere direkte Nachbarin wurde unsere deutsche Oma.

Deutsche Omas spielen im Leben vieler Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine große Rolle. Unsere Oma nahm meine Mutter mit zum Einkaufen, kochte und backte mit ihr und schaute mit ihr fern. Auf dem Programm standen Sendungen wie Lindenstraße und die Tagesschau. So hat sie die deutsche Kultur, Sprache und Küche kennengelernt. Im Alltag und in Interaktion mit anderen Menschen.

Ein bekanntes afrikanisches Sprichwort lautet: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Und meine Erfahrung sagt, das stimmt.

Wenn ich zurückblicke, hätte meine Kindheit sehr einsam sein können. In Deutschland gab es ja nur uns vier: Meine Eltern, meinen Bruder und mich. Aber das Gefühl hatte ich nie. An St. Martin machten wir mit unseren Laternen die Runde durch das ganze Haus und haben vor jeder Wohnungstür gesungen. Zur Einschulung bekamen wir eine große Schultüte von allen Nachbar:innen. Und der Nikolaus war immer besonders großzügig und die Stiefel jedes Jahr voll.

Heiligabend haben wir immer mit der ganzen Familie bei der Oma verbracht. Oma machte die Gans und meine Mutter brachte koreanisches Kimchi mit. Das waren dann unsere eigenen Traditionen.

Dank Oma war ich auch nicht neidisch, wenn Freund:innen von ihren Ferien oder den Feiertagen bei Oma und Opa erzählten. Denn auch bei unserer Oma durften wir so viel fernsehen wie wir wollten. Es gab immer Süßigkeiten und es wurde nicht geschimpft. Wenn meine Mutter mal nicht weiterwusste, gab es immer noch die Oma. Und Oma hatte immer Zeit und immer die Geduld, uns alles zu zeigen und zu erklären.

Inzwischen sind unsere Nachbar:innen älter geworden. Meine Eltern haben einen Schlüssel für den Notfall, sind als Notfallkontakte angegeben und sehen regelmäßig nach dem Rechten. Sie leben in einem Mehrgenerationenhaus, das mit der Zeit gewachsen ist. 

Ich bin in zwei Sprachen und zwei Kulturen aufgewachsen. Meine Eltern haben zuhause nur Koreanisch mit mir gesprochen. Jedes Mal, wenn ich das erzähle, ernte ich ungläubige Blicke: Ich spreche ja trotzdem fehlerfrei Deutsch. Mein Bruder und ich haben mit unseren Nachbar:innen Deutsch gesprochen und im Kindergarten. Das hat gereicht. Zuhause hat sich mein Vater die Mühe gemacht, uns Koreanisch beizubringen. Schreiben, Lesen und Sprechen. 

Insgesamt hatte ich als junge Frau mit sichtbarem Migrationshintergrund viel Glück im Leben. Ich war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe die richtigen Menschen kennengelernt, die mich unterstützt haben, die mir die Möglichkeit gegeben haben, die Chancen, die ich hatte, auch zu nutzen. Aber viele Menschen bekommen diese Chancen gar nicht erst, weil das Leben von immer noch viel zu vielen Menschen von Glück und von Zufall abhängt: Vom Elternhaus, von der Herkunft, vom Geschlecht und von Geld.

Das will ich ändern. Und ich will etwas zurückgeben an die Menschen und die Stadt, die mir von kleinauf eine Heimat und eine Identität geschenkt hat: Oche.